Wie ein Läufer vom Schach profitieren kann …

Ultraläufer Jörg Schreiber (rechts) ist begeisterter Schachspieler. Beide Disziplinen hält er für eine tolle Kombination. Foto: Schachclub Kempten
Ultraläufer Jörg Schreiber (rechts) ist begeisterter Schachspieler. Beide Disziplinen hält er für eine tolle Kombination. Foto: Schachclub Kempten
Jörg Schreiber hat als Läufer schon viele Erfolge gefeiert. Archiv-Foto: Ralf Lienert
Jörg Schreiber hat als Läufer schon viele Erfolge gefeiert. Archiv-Foto: Ralf Lienert

Läufer Jörg Schreiber sind schon viele Erfolge gelungen. Der 52-jährige Physiklehrer fühlt sich vor allem auf den langen Strecken zuhause. Elf Wettkämpfe über die Distanz von 100 Kilometer hat er schon gemeistert. Zudem gewann er zwei Mal den legendären Transalpine Run über die Alpen in seiner Altersklasse. Doch der Kemptener kann auch die Füße still halten: beim Schachspiel! Für den Schachclub Kempten tritt er in Schwabenliga und  A-Klasse an.  Im Interview erzählt er, warum er Laufen und Schach für eine tolle Kombination hält – und wie er als Läufer vom Schach profitiert.


Ihre Marathonbestzeit steht bei 2:44 Stunden. Aber was ist anstrengender: Ein Lauf über 42 Kilometer oder eine Schachpartie in der Schwabenliga?

Jörg Schreiber: Beides ist auf seine Art anstrengend. Der lange Lauf bringt einen an die körperlichen Grenzen. Eine intensive Schachpartie, die über vier Stunden dauern kann, erfordert volle Konzentration. Danach tun einem zwar nicht die Knochen weh, dennoch fühlt man sich platt. Dagegen wiederum hilft ein lockerer Lauf an der frischen Luft (lacht).

Sie kombinieren beide Disziplinen?

Jörg Schreiber: Sagen wir so: Man kann Laufen, um sich vom Schachspielen zu erholen. Und umgekehrt. Vor Kurzem zum Beispiel habe ich an einem Samstag am Schwäbisch-Alb-Marathon teilgenommen und mich dabei über 50 Kilometer verausgabt. Tags darauf habe ich es dann genossen, für den Schachclub Kempten beim Schwabenliga-Sieg gegen Mindelheim ans Brett zu gehen.

Mit anderen Worten: Vom Läufer zum Springer in 24 Stunden.

Jörg Schreiber: Genau. Grundsätzlich verlief mein Weg aber andersherum: Ich habe mich erst für den Springer, also das Schachspiel, interessiert. Viel später kam das Laufen dazu. Da war ich 32 Jahre alt. Und ich hätte nie gedacht, dass ich, außer im Schach, auch in einem anderen Sport etwas drauf haben könnte.

Wann haben Sie die ersten Partien gespielt?

Jörg Schreiber: Als ich acht Jahre alt war, hat mir mein Vater die Grundzüge beigebracht. Ich war sofort begeistert. Mit meinen beiden jüngeren Brüdern, vor allem mit dem mittleren von uns dreien, habe ich mir in den folgenden Jahren erbitterte Duelle geliefert. Das ist das Schöne am Schach: Es ist zwar ein Individualsport, aber du brauchst immer jemanden, der mit dir spielt – und dich fordert.

Und beim Laufen?

Jörg Schreiber: Ist das sehr ähnlich. In der Gruppe holst du mindestens zehn Prozent mehr aus dir raus, als wenn du alleine läufst. Das geht zumindest mir so. Ich habe in beiden Disziplinen den Anschluss zu einer Mannschaft gesucht. Beim Schach habe ich es bis zur Verbandsliga gebracht. Beim Laufen zählten zu den schönsten Erfolgen die deutschen Mannschafts-Titel im Ultratrail-Lauf in Sonthofen (2011) und Kempten (2013) mit dem TV Jahn Kempten. Das Gemeinschaftserlebnis ist etwas Wunderbares.

Gibt es eine weitere Parallele zwischen beiden Sportarten?

Jörg Schreiber: Ja, beim Schach und auch bei den langen Läufen geht es darum, die gegenwärtige Situation zu analysieren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Beeinflusst Schachspielen also Ihre Art zu Laufen?

Jörg Schreiber: Ich denke schon. Gerade lange Wettkämpfe gehe ich sehr gezielt an. Ich verlasse mich weniger auf das Gefühl, sondern analysiere: Wie hoch ist mein Puls? Wie schnell sind meine Zwischenzeiten? Wie viele Höhenmeter liegen noch vor mir? Ich schaue häufig auf meine Pulsuhr und bin ständig am Hochrechnen (lacht). Als Faustregel gilt: Auf der ersten Hälfte eines langen Laufes sollte mein Puls nie über 160 sein. Erst in der zweiten Hälfte darf er darüber sein.

Wir danken Dir für dieses Gespräch und wünschen Dir in beiden Disziplinen viel Erfolg weiterhin.

(Das gesamte Interview, von dem wir hier Auszüge veröffentlichen, erschien in der Allgäuer Zeitung am 26. November 2015)