So läuft’s in jeder Jahreszeit: Tipps von Experte Dirk Tenner

Laufen im Herbst, Blätter
Bloß nicht ausrutschen! Herbst und Winter stellen Läufer vor besondere Herausforderungen. Fotos: T.S. und Orthoparc Klinik Köln

dirk-tennerRutschiges Laub auf dem Boden, gefrorene Strecken und niedrige Temperaturen: Das Herbst- und Winterwetter stellt Ausdauersportler vor besondere Herausforderungen. Schon ein Ausrutscher kann böse Folgen haben. Andere Athleten sind schon außer Gefecht: Sie laborieren nach einer langen Saison an Verletzungen. Doch wer sich an die Infos und Tipps hält, die uns Experte Dirk Tenner (45) gibt, dem dürfte weder Regeneration noch der Wiedereinstieg nach Sportverletzungen schwer fallen. Der Chefarzt im Bereich Sportmedizin der Orthoparc-Klinik in Köln muss es wissen – er hat Größen wie Rad-Profi André Greipel oder Boxer Felix Sturm in Betreuung.

Von Anne-Sophie Weisenbach

„Gerade beim Laufen kann man die Verletzungen gut unterteilen“, sagt Tenner. Je länger die Strecken, desto höher die Wahrscheinlichkeit von Ermüdungsverletzungen. Besonders anfällig sei neben Mittel- und Vorfuß auch das Schienbein.
Bei Läufern, die intensiv über kürzere Strecken unterwegs sind, schlage die Belastung nicht so sehr auf die Knochen, sondern auf die Muskeln und Sehnen. Schambein, Becken und Knie sind neben Muskelverletzungen häufig, erklärt Tenner und beeilt sich den Muskelkater gleich auszuschließen: „Der ist in der Regel eine Anpassungserscheinung und kein struktureller Schaden. Wenn ein Untrainierter von 20 Minuten Laufen Muskelkater bekommt, hat das nichts mit Muskelfaserrissen zu tun.“ Dagegen helfe nur, sich öfter zu bewegen.

Männern mache oft ein Band Probleme, das an der Außenseite des Oberschenkels vom Darmbein bis zum Kniegelenk geht. Neben der falschen Belastung sei auch die Stellung der Beine dafür verantwortlich. Durch die O-Beine, die Männer häufig hätten, sei die Belastung höher als bei Frauen.

Die wiederum haben ihre eigenen Probleme: Durch die Tendenz zu X-Beinen bekommen sie wesentlich öfter als Männer Probleme mit den Knien. Die Kniescheibe wird viel stärker belastet und nach außen geschoben. Die Elastizität der Knorpel nehme rapide ab, erklärt der Sportmediziner.

Laufen im Herbst, BlätterSchuhe, Schuhe, Schuhe – sie sind das Zaubermittel. „Sie müssen zur Statur und zur Beinachse passen“, betont Tenner. Eine Laufbandanalyse, bei der von der Seite, von vorne und von hinten gefilmt werde, sei unerlässlich. Einlegesohlen sieht er wiederum skeptisch. „Sie sollten auf keinen Fall prophylaktisch eingesetzt werden“, sagt der Kölner. Der Lauf-Vorgang sei komplex und bis ins letzte aufeinander abgestimmt. „In die Bewegung sollte nur eingegriffen werden, wenn der Sportler Schmerzen hat“, sagt Tenner. Eine Veränderung des Ablaufs verlagere die Belastung. „Und das kann erst recht für Schmerzen sorgen. Finger weg von der Laufbewegung, solange der Sportler keine Beschwerden hat.“

Dirk Tenner
Experte Dirk Tenner von der Orthoparc Klinik in Köln ist selbst Ausdauersportler. Er ist begeisterter Rennradler.

Für den Wiedereinstieg nach dem Training rät Tenner gerade bei Ermüdungsbrüchen etc. in dauerhafter Behandlung zu bleiben. „Bei Muskelverletzungen gibt es gute Richtwerte, die sich von Sportler zu Sportler nicht groß unterscheiden“, sagt er.

Stressödeme oder Verletzungen an Becken oder Knochen seien dagegen schwer zu therapieren und sehr langwierig. „Bei den Überlastungserscheinungen muss jede Verletzung individuell behandelt werden.“ Beschleunigen könne man die Heilung hier kaum. Das sei nur bei Muskelverletzungen der Fall.

Positive Erfahrungen hat Tenner mit der Eigenbluttherapie (seit 2012 von der NADA erlaubt) gemacht. Dabei wird etwas vom eigenen Blut abgenommen und dann zentrifugiert. Übrig bleibt trombozytenreiches Plasma, das wieder in den verletzten Muskelbereich gespritzt wird. „Bis zu fünf Spritzen in drei Tagen sorgen dafür, dass die Sportler wesentlich schneller regenerieren. Danach muss ich sie aber sehr zügeln – wie bei einem Pferd“, erzählt er lachend. Denn obwohl die Sportler mit dieser Methode schneller wieder fit seien, sollten sie den verletzten Muskel nicht gleich wieder voll belasten. „Das sieht nicht jeder ein.“

Aus orthopädischer Sicht versieht Tenner übermäßiges Laufen zwar mit einem Fragezeichen. Doch was Leidenschaft Sport bedeutet, weiß der begeisterte Rennradfahrer selbst. „Am besten fährt jeder Läufer, wenn er sich zusätzlich einen Ausgleichssport sucht. „Wer sieben Mal in der Woche zum Laufen geht, macht nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus trainingstechnischer Sicht etwas falsch“, lautet sein abschließendes Urteil.

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