“Sie nannten mich den Mann aus dem Walde”

Xaver Höger
Xaver Höger vom TV Bad Grönenbach (vorn) wurde 1959 deutscher Meister über
10 000 Meter und nahm 1960 an den Olympischen Spielen in Rom teil. Foto: Höger, Privatarchiv

Zehn Kilometer sind wohl die meisten von uns schon einmal gelaufen, zum Beispiel am vergangenen Wochenende in Sonthofen. Doch eine Leistung bleibt bis auf weiteres unerreicht: Das Allgäu stellte in grauer Vorzeit schon einmal einen deutschen Meister über zehn Kilometer! Xaver Höger aus Bad Grönenbach lief schneller als der Rest. Und er trainierte fast ausschließlich im Wald. Wir haben ihn ausfindig gemacht und interviewt.

Allgäu Ausdauer goes History: Das trifft heute in besonderem Maße zu. Denn einer der Meilensteine in der Allgäuer Leichtathletik liegt inzwischen 55 Jahre zurück…

1959 wurde Xaver Höger in Stuttgart deutscher Meister über 10 000 Meter in einer Zeit von 30:20,2 Minuten. Ein Jahr später vertrat er das Allgäu sogar bei den Olympischen Spielen in Rom, wo ihm jedoch muskuläre Probleme zu schaffen machten und er mit dem 17. Platz wohl unter seinen Möglichkeiten blieb. Seine Bestzeit hatte der 25-malige Länderkampfteilnehmer zwei Monate vor den Spielen bei einem Wettkampf in Helsinki aufgestellt: 29:19 Minuten. Eine  Zeit, an der sich selbst fünf Jahrzehnte später trotz moderner Trainingsmethoden und  Materialverbesserung nicht nur hiesige Läufer die Zähne ausbeißen.

Doch wie kamen diese Fabel-Zeiten damals zustande? Allgäu Ausdauer hakte nach – und erreichte Xaver Höger wenige Tage vor seinem 84. Geburtstag am 7. April zum Telefoninterview. Der Inhaber einer Wäscherei gerät ins Schwärmen, wenn er an die alten Zeiten zurückdenkt.

“Sie nannten mich den Läufer aus dem Walde”, sagte er mit noch immer kräftiger Stimme, die erahnen lässt, weshalb eine Zeitung damals vom “Mann mit der Urkraft” schrieb.

Höger war schon als Bub begeisterer Sportler. Aber seinen ersten Leichtathletik-Wettkampf bestritt er erst mit 18 Jahren. Für Rennschuhe hatte er damals kein Geld. “Die anderen liefen in Spikes, ich in Socken”, erinnert er sich und fügt hinzu:  “Ich habe mir meine Erfolge Schritt für Schritt erarbeitet. Talent war da. Aber ich musste auch hart kämpfen.”  Zwischen 1954 und 1956 trainierte er in Kaiserslautern, wo er eine Arbeitsstelle hatte. Dort machte er erste Bekanntschaft mit knallhartem Intervalltraining und wurde 1956 deutscher Waldlauf-Meister (heute würde man wohl von Short-Distance-Trail-Run sprechen…).

Als er nach dieser Zeit ins Allgäu zurückkam, verzichtete er auf Bahntraining und zog anderen Untergrund vor.  “Ich bin ab diesem Zeitpunkt alles im Wald und im Gelände gelaufen. Der weiche Boden macht einen nicht so schnell kaputt. Gesundheitliche Probleme hatte ich nie. Nur ein einziges Mal – und das war ausgerechnet bei den Olympischen Spielen. Ein Riesenpech”, sagt Höger, zu dessen Freunden der legendäre Emil Zatopek (dreifacher Olympiasieger 1952) wurde, der als einer der Erfinder des Intervalltrainings gilt.

Doch wie genau trainierte Höger? “In der Früh um sieben bin ich eine dreiviertel Stunde gelaufen und habe Gymnastik gemacht. Danach stand ich den ganzen Tag in der Wäscherei. Abends ging es dann richtig rund. Ich habe im Wald Strecken ausgemessen und bin dann dort Intervalle gelaufen. Zum Beispiel 10 x 200 Meter und darauf 3×400 Meter und zum Abschluss 6000 oder 1000 Meter mit vollem Tempo”, gibt er einen Einblick in die Schufterei.

Vom Profistatus heutiger Läufer war der Selbständige zwar meilenweit entfernt, doch von seinen Zeiten können viele Läufer, die wie Profis auftreten, noch immer träumen. Mit einer Größe von 1,88 Metern und einem Gewicht von 76 Kilo war Höger, wie er sich erinnert, “nicht unbedingt ein Hungerhaken”. Doch das wirkte sich offenbar nicht negativ auf sein Leistungsniveau aus. “Von Ernährungslehre hatte damals ja keiner eine Ahnung. Gegessen wurde, was auf den Tisch kommt”, erinnert er sich mit einem Schmunzeln.

Heute hält sich Höger noch immer mit Nordic Walking fit und verfolgt die Leichtathletik im Fernsehen oder in der Zeitung. “Ich hoffe, dass bald wieder ein Allgäuer ganz vorne mitmischt. Genug Läufer haben wir ja in der Region”, sagt der frühere deutsche Meister.  In der ewigen Allgäuer Bestenliste, die von Karl Heinz Utz aus Sonthofen seit Jahrzehnten akribisch geführt wird, gibt es nur zwei Läufer, die den “Zehner” schneller meisterten: Der inzwischen verstorbene Günter Kohl (SC Vöhringen) schaftte 1980 in Koblenz eine Zeit von 28:38,76 Minuten. Konrad Dobler (SVO Germaringen) lief 1991 in Potsdam 28:57:06. Deutscher Meister über 10 Kilometer wurde jedoch nur Xaver Höger…

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