Startplatz-Gewinnerin Sigrid Thomas: „Roll over the mountain: Mit Wespenstich ins Ziel gekämpft!“

Sigrid Thomas„Rock the house, Sigimaus!“ Mit dieser Überschrift hatte allgaeu-ausdauer.de die Startplatz-Gewinnerin Sigrid Thomas ins Rennen über 51,7 Kilometer beim Voralpenmarathon geschickt. Die 47-Jährige vom TV Immenstadt, besser bekannt als  „Sigimaus“, schaffte das schier Unmögliche: Sie kam innerhalb des Zeitlimits (7:30 Stunden) ins Ziel. Nach exakt 7:29:53 (!) erlebte sie als Letzte der insgesamt 700 Läufer an diesem Tag die Linie am Cambomare – und war ebenso erschöpft wie glücklich: „Statt ‚rock the house, Sigimaus‘ hätte es eher ‚roll over the mountain‘ heißen müssen“, schreibt sie in ihrem Lauf-Bericht, der mindestens ebenso stattliche Ausmaße annimmt wie die Strecke 🙂 Doch lest am besten selbst:

Hallo ihr Lieben,

war das eine Tortur. War das ein Kampf. Ich kann nur sagen: wie gut, dass ich die Ausschreibung vor dem Start richtig gelesen habe. Mehr dazu später.

Aber von vorne.  Ich habe mich am Start ganz brav weit hinten eingeordnet. Mit dem Wissen, dass ich die langsamste Läuferin bin. Und mit folgendem Gedanken: Wenn alle Starter der 52, 30, 15er-Strecken und die Staffeln eine gemeinsame Startzeit haben, werden sicher die Läufer der kurzen Distanzen vorne stehen und abgehen wie „Schmitz Katze“ 😉
Dies hat sich dann bei dem Engpass mit der Steigung durch den Wald als nicht so ganz zutreffend erwiesen. Hier war nicht nur Gänsemarsch angesagt, sondern leider auch stellenweise fast Stillstand durch Rückstau. Während manche die Zeit nutzten, um sich nochmal in der Natur zu erleichtern :-[ und sich andere freuten zu Luft zu kommen,  fing‘ bei mir schon die erste Hochrechnung an. Immer die Cut-Off-Zeiten im Kopf versuchte ich nach Erreichen der breiteren Wege wieder meinen Rhythmus zu finden und konnte etwas Weg gut machen. Doch schon wieder bei der nächsten Engstelle, diesesmal bergab, musste ich mich extrem vorsichtigen Läufer/Innen anpassen… und zu meinem „Superglück“ kam dann noch ein schmerzender Wespenstich dazu.

Nun war ich nervös und hoffte, dass mein vorhandenes Adrenalin genügte, um die Allergie in Schach zu halten. Da der Notfall-Stick nicht in meine Gürteltasche passte, mussten die Calcium-Tütchen ausreichen. Die herrliche Landschaft, der wunderbaren Ausblick auf die Voralpen, die netten Leute an der Verpflegung konnten mich sehr gut ablenken und so rollte ich weiter 😉

Beim steilsten Anstieg ging ich kurz rückwärts und die Aussicht war herrlich!!

Mit neuem Mut, allgaeu-ausdauer.de nicht zu enttäuschen, nahm ich wieder Kurs auf den ersten Cut-Off:  Laut Ausschreibung bei 15 km nach 2:15 h. Das schaffte ich laut meiner Uhr. Die Verpflegungstelle bei 16 km erreichte ich nach 2:16 h. War das zu langsam? Wohl nicht. Nach kurzer Diskussion mit einer Streckendame lief ich weiter. Ein weiterer Läufer tat es mir gleich.

Bis zu nächsten Verpflegungsstelle wurden wir von dem „Besen-Moped“ überholt. An der „Tanke“ erwartete mich die liege Antje Schuhaj, die mich mit Cola, Wasser, Gel und aufmunternden Worten versorgte. Beim Weiterlaufen bemerkte ich, dass der Mann mit Hund auch noch kam. Der „Besen.Moped“-Fahrer hielt immer mal kurz und meinte, die vor uns sind nicht sooo weit weg. Bei der nächsten Verpflegungstelle habe ich ihn das letzte mal gesehen. Der Mann mit Hund hatte mich mitlerweile auch wieder überholt. Aber das kenn‘ ich ja schon: als Letzte laufen. Übrigens, ein schönes entspanntes Laufen, wo man sich richtig schön auf sich selbst konzentrieren kann…

Nun hörte ich von Weitem schon heftigen Motorlärm: eine Moto-Cross-Veranstaltung. Das Bergablaufen auf der Teerstraße dorthin war fast das Anstrengendste des ganzen Laufes. Ein netter Herr an der Verpflegungsstelle (ein Passant) fragte ganz charmant, ob ich denn noch in der Wertung sei….  „weil der Besenwagen vor mir ist“.  Da sagte ich nur: ja!  Immer die Kilometer-Schilder im Blick und meine Uhr und den zweiten Cut-Off im Gedanken lief ich weiter. So gut es eben ging. Ich motivierte mich, in dem ich wie die Militärs sang: „Cut-Off ist bei 14 Uhr – Füße lauft in Eurer Spur… “  Und, ich Glückliche, hatte nach 4:55 h beim zweiten Cut-Off tatsächlich  5  Minuten gut gemacht!

Meine kleine Handflasche aufgedreht, den netten „Verpfleger“ mit meinem schönsten Strahlen gebeten: „Bitte voll machen“!  Und er darauf: „Warum so eilig, wo willst Du denn hin?“  Ratlos fragend, guckte ich wohl wie ein Allgäuer Rindvieh und erst da realisiert ich, dass da der Mann mit dem Hund stand und noch zwei weitere Läufer. Alle gestoppt von einer Helferin. Sie meinte: Der Cut-Off sei nach 4.45 h gewesen – und somit seit 10 min rum. Im Klartext: „Du bist raus!“ Ich fühlte mich wie Hoecker und jetzt erklärt sich meine Aussage: Wie gut, dass ich die Ausschreibung richtig gelesen habe! Denn da steht: zweiter Cut-Off ist um 14 Uhr und somit nach „Adam Richtigrechnen Riese“ nach 5h Laufzeit, oder?  Ein älterer Mann an der Verpflegung meinte schließlich: „Du kannst weiterlaufen, aber auf eigene Gefahr“. Das war für mich der zweite Startschuss. Von da an lief ich, wie sich herausstellte, tatsächlich nur noch für mich. 18 Kilometer allein auf weiter Flur!

Als nachdenklicher Mensch habe ich mein kleines 0,15-Liter- Fläschchen – von der letzten Verpflegung nochmal aufgefüllt – nicht angerührt. Das war gut so. Denn an der nächsten Verpflegungsstation war niemand mehr.  Ich hatte noch mein Trinkfläschchen, mein letztes Gel und meine verbliebenen zwei Gel-Chips. Meine Rechnung: Bei jedem Kilometer einen kleinen Schluck – lange im Mund lassen – bei KM 40 einen Chip, bei KM 42 das Gel und bei KM 45 den letzten Chip.

Naja – die Flasche war schon früher fast leer als gehofft.

Sehnsüchtig nach Wasser registrierte ich die Trinkflaschen von Vorbeiradelnden … und dann die Rettung: Ein Pause machende radelnde Mama mit Sohn. Nach meiner Bitte, ob ich vielleicht einen Schluck von einer ihrer Wasserflaschen umfüllen könnte, geschah ein für mich kleines Wunder: Sie nahm ihren Rucksack ab und zauberte eine 2-Liter-Wasserflasche hervor! Leute, ich kann gar nicht erklären wie ich mich gefreut habe! Dankend füllte ich meine kleine Flasche auf. Gierig schüttete ich fast einen halben Linter in den trockenen Hals. Das Wasser wirkte Wunder. „Komm‘ schon Sigi“, dachte ich, „da geht noch was. Jetzt erst recht!“ So lief und lief und lief ich weiter. Jede Kurve, jeden Anstieg, jede Schleife, über jede Straße.

Bei der letzten Verpflegung waren sie noch am Einpacken. Das verhalf mir nochmals zu einem großen Schluck herrlich-süßer Cola. Denn nun wartete ja noch der Maria-Berg. In den Laufberichten anderer hatte ich schon gelesen, dass dieser Berg es zum Abschluß nochmal in sich haben sollte. Und ja: Das kann ich bestätigen.

Was sagt meine Uhr? 7:09 h. Noch gute 3 km. Wie soll ich das schaffen? Der Abstieg rettete mich. Ich ließ es rollen – und der mini-kleine Gegenanstieg ließ mir nochmal Zeit für den letzten Schluck aus meiner Flasche. Mit verblieben noch sieben Minuten Zeit bis zum Zielschluss um 16.30 Uhr. Der Weg ging nun erstmal eben weiter und nun kämpfte ich wirklich mit mir selbst. Ein Pärchen, das mir entgegenschlenderte, realisierte, dass ich wohl noch eine Läuferin bin und riefen mir nach: „Ja I werd verrückt… lauf zu! Du packst das noch..super.. …Respekt“.  Die Uhr tickte unaufhörlich. Ich hatte nur noch zwei Minuten. Und genau da kam mein Mann mit unseren beiden Hundchen quer über die Wiese. Das kam so punktgenau richtig, dass ich irgendwo noch ein bisserl Luft her bekam.  Die Hunde rannten mir nach. Er feuerte mich an. Ich kam auf die Straße und, endlich, auf die Zielgerade.  Also LOS!! Sigimaus RENN !

Und: JA – ich habe es tatsächlich geschafft, als Letzte im Zeitlimit anzukommen! Ein irres Gefühl nach einer sehr schönen, aber eben auch anspruchsvollen Strecke. Es ist faszinierend, wie schnell und mit welcher scheinbaren Leichtigkeit die anderen Läufer das schaffen… Was  doch alles möglich ist. Meine größte Anerkennung und mein Glückwunsch an ALLE! Und natürlich auch ein Danke schön an alle, die mir dieses unvergessliche Erlebnis möglich gemacht haben.

Eure Sigimaus

4 Gedanken zu „Startplatz-Gewinnerin Sigrid Thomas: „Roll over the mountain: Mit Wespenstich ins Ziel gekämpft!““

  1. Hallo Sigimaus,
    meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum Finish! Ich war eine der hinteren beim 15-km-Lauf und wollte dich unterwegs noch ansprechen und dir viel Glück wünschen – aber meine beiden Begleiterinnen haben bei km 4 (kurz nach dem Buckel) auf der Geraden das Tempo angezogen und ich musste sehen, hinterher zu kommen.
    Irgendwann kann ich es doch noch persönlich nachholen….. 🙂
    Weiterhin viel Freude am Laufen!
    VG aus SF Ingrid

    1. Liebe Ingrid… ui, das hört sich sooo nett an. Ganz vielen lieben Dank 🙂 …. und das „unbekannterweise“ 😉 Danke !! … und Dir auch weiterhin viel Spaß am Laufen. Bleib‘ gesund 🙂
      Beste Grüsslis, Sigimaus

    1. Lieber Jochen, ganz ganz vielen Dank.
      „Lob“ von unbekannter Seite ist immer eine tolle Überraschung 🙂
      Bleib‘ gesund 😀 Beste Grüsslis, Sigimaus

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