Wandratsch: „Bodenseedurchquerung ist wie Bergsteigen“

2013-06-16 12.11.04Extremschwimmen,Christof Wandratsch (46) hat im Laufe seiner Karriere den Ärmelkanal, den Fehmarnbelt und die Straße von Gibraltar in Rekordzeit durchschwommen. Jetzt will er als erster Mensch ohne Pause und schützenden Neoprenanzug den Bodensee längs durchqueren – vermutlich in dieser Woche. Viele Versuche von anderen Freiwasserschwimmern sind gescheitert, mehrere davon im vergangenen Jahr, einer ist in der Fachwelt umstritten. Roland Wiedemann sprach mit dem gebürtigen Franken, zweifachen Europameister im Langstreckenschwimmen und bekanntesten deutschen Freiwasserschwimmer über die 64 Kilometer zwischen Bodman und Bregenz, Trainingseinheiten im zwei Grad kalten Wasser, rettende Fettringe, strenge Regeln und seinen Respekt vor der Nacht.

Herr Wandratsch, zuerst der lange Winter, dann der verregnete und kühle Frühling – es waren keine guten Bedingungen, um sich auf die geplante Bodensee-Durchquerung vorzubereiten.

Wandratsch: Es hätte besser sein können. Aber ich habe mich davon nicht großartig beeindrucken lassen. Es hat sich ausgezahlt, dass ich auch im Winter draußen im See geschwommen bin – zweimal pro Woche, selbst bei Minus 20 Grad Außen- und zwei Grad Wassertemperatur. Dann halt nur fünf oder zehn Minuten lang.

Und mit einem schützenden Neoprenanzug…

Wandratsch: Nein, immer ohne.

Schwimmen in zwei Grad kaltem Wasser – wie fühlt sich das an?

Wandratsch: Wie tausend Nadelstichen auf der Haut. Es tut weh. Aber man ist stolz, wenn man es geschafft hat. Ich hatte mir vor dem Winter gesagt, das ziehst du durch. Und ich habe ja auch schon im Herbst damit angefangen. Mein Körper konnte sich also Stück für Stück an die sinkenden Wassertemperaturen gewöhnen. Es musste sein. Wenn du so ein Projekt wie die Bodensee-Durchquerung anpacken willst, kannst du nicht erst im April damit anfangen, draußen im See zu schwimmen.

Und wie oft lagen Sie krank im Bett?

Wandratsch: Nie, ich war kein einziges Mal erkältet. Es war psychologisch sehr wichtig, den ganzen Winter im See zu schwimmen. Du weißt dann, was wirklich kaltes Wasser ist und freust dich über jedes zusätzliches Grad, auch wenn es nur elf oder zwölf Grad sind. Erst kürzlich bin ich mit einer Gruppe im Königssee geschwommen, fünf Stunden lang bei knapp zwölf Grad Wassertemperatur. Ich biete seit diesem Frühjahr Extrem-Schwimmcamps an. Ich zog das Verpflegungsboot. Das war ein gutes Training.

Und die Camp-Teilnehmer stiegen auch nur in Badehose in die eisigen Fluten?

Wandratsch: Alle – bis auf zwei, die hatten Neoprenanzüge an.

Und die beiden wurden als Weicheier belächelt?

Wandratsch: Bei 11,5 Grad wird niemand belächelt, egal was er im Wasser anhat.

Der Bodensee ist wärmer. Trotzdem haben Sie sich für den Rekordversuch noch nicht in den Bodensee gewagt.

Wandratsch: 20 Grad muss das Wasser mindestens haben, und das war in den vergangenen Wochen nicht der Fall. Da macht es keinen Sinn, die Bodensee-Durchquerung anzugehen. Der Unterschied zur Körpertemperatur ist bei 20 Grad Wassertemperatur immer noch sehr groß. 64 Kilometer – man ist sehr, sehr Lange der Kälte ausgesetzt. Ich rechne mit 20 Stunden von Bodman nach Bregenz. Aber man weiß nie genau, wie sich die Bedingungen entwickeln. Das ist ein bisschen wie beim Bergsteigen. Für diese Woche sieht es ganz gut aus.

Bruno Dobelmann, wegen seiner 110 Kilogramm Körpergewicht auch „Orca“ genannt, scheiterte im vergangenen Jahr gleich zweimal an der Bodensee-Durchquerung. Sein Manager meinte nach dem ersten missglückten Versuch: „Aus dem Orca ist ein tiefgefrorenes Fischstäbchen geworden.“

Wandratsch: Dobelmann hat es damals bei 13 Grad Wassertemperatur versucht. Das macht in meinen Augen keinen Sinn.

Es heißt, Fett ist der Rettungsring der Ärmelkanalschwimmer. Ähnliches gilt wohl auch für den Bodensee.

Wandratsch: Ja, Fett schützt vor der Kälte und dient als Energiereservoir. Das zusätzliche Gewicht merkst du im Wasser nicht. Zehn Kilo mehr bedeutet nur, dass man im Wasser 700 Gramm zusätzlich bewegen muss. Als ich 2005 den Ärmelkanal in Rekordzeit durchschwommen habe, hatte ich mir zehn Kilo zusätzlich angefuttert. Jetzt, vor der Bodensee-Durchquerung bin ich 20 Kilo über meinem Normalgewicht.

Wie schafft man es als Leistungssportler, der täglich beim Training viele Kalorien verbrennt, so extrem zuzunehmen?

Wandratsch: Indem man große Mengen an Kohlehydraten, vor allem in Form von Nudeln, zu sich nimmt. Ich esse auch sehr viel Süßes. (Lacht) Verglichen mit anderen Sportlern haben wir Freiwasserschwimmer es in diesem Punkt sehr gut.

Dafür quälen sie sich stundenlang bei eisigen Wassertemperaturen durch Quallensuppen, gegen Strömungen und meterhohe Wellen in dicht befahrenen Seefahrtstraßen wie den Ärmelkanal oder die Straße von Gibraltar. Muss man dafür masochistisch veranlagt sein?

Wandratsch: Nein, ich bin kein Masochist. Mir macht es einfach Spaß in diesen wilden Gewässern zu schwimmen und mich darauf vorzubereiten. Mich reizt die Herausforderung. Du hast eine Bademütze auf dem Kopf und eine Badehose an und versuchst, von A nach B zu kommen – das ist alles. Du musst immer in Bewegung bleiben. Das macht die Sache so schwierig – schwieriger als beispielsweise Radrennfahren. Da kannst du dich auch mal ausruhen, wenn du den Berg runter rollst. Oder als Bergsteiger machst du mal eine Pause. Das geht bei uns nicht. Wenn ich nicht mehr schwimme, saufe ich ab – so einfach ist das. Ich muss mich zehn, zwanzig Stunden lang bewegen und kann mich nicht einmal kurz ausruhen.

Kirsten Seidel hat im vergangenen Jahr den Bodensee ohne Neoprenanzug durchschwommen, sich dabei aber wohl mehrmals kurz am Begleitboot festgehalten. Deshalb wird ihr Versuch in Fachkreisen nicht als erste Bodensee-Längsdurchquerung ohne Neoprenanzug anerkannt. Ist das nicht ein wenig kleinlich?

Wandratsch: Es gibt international anerkannte Regeln. Und sobald das Boot berührt wird, ist es nun mal vorbei. Trotzdem habe ich Respekt vor der Leistung von Kirsten Seidel. Aber wenn ein Bergsteiger 50 Meter vor dem Gipfel umkehren muss, würde er auch nicht behaupten, er hätte ihn bestiegen.

Sie selbst wollten als erster Mensch die Oceans Seven bewältigen. Aber der Ire Stephen Redmond kam Ihnen zuvor und durchschwamm die sieben schwierigsten Wasserstraßen der Welt, darunter den 34 Kilometer breite North Channel zwischen Schottland und Irland – wegen des schweren Seegangs, der Wassertemperatur von 12 Grad und der starken Strömungen eine der größten Herausforderungen im Freiwasserschwimmen überhaupt.

Wandratsch: Ich bin Lehrer und hatte mich für die Oceans Seven extra ein Jahr lang vom Schuldienst befreien lassen. Wegen des schlechten Wetters konnte ich die Cook Strait zwischen der Nord- und Südinsel von Neuseeland nicht in Angriff nehmen. Redmond hatte mehr Glück. Also habe ich mir eine neue Herausforderung gesucht, die noch niemand geschafft hat: die Nonstop-Bodensee-Durchquerung. Das Interesse der Medien und Sponsoren an der Bodensee-Durchquerung ist sogar größer als an den Oceans Seven. Der Bodensee ist ein langes Binnengewässer, einer der größten Seen in Europa – darunter können sich die Leute etwas vorstellen, bei den Oceans Seven tun sie sich schwer. Da muss man viel erklären.

Ist es leichter in Salz- oder in Süßwasser lange Distanzen zu schwimmen?

Wandratsch: Schwer zu sagen. Salzwasser trägt besser, dafür bekommt man davon schneller einen entzündeten Mund.

Im Meer sind die Wellen höher.

Wandratsch: Ja, trotzdem sind die kleinen Wellen in Seen schwieriger zu schwimmen als die größeren im Meer. Im Meer kannst du mit der Welle schwimmen, im See nicht.

Wird man nicht seekrank, wenn einen die Wellen pausenlos hin- und herwerfen?

Wandratsch: Man kann Medikamente dagegen nehmen. Aber im Wasser habe ich damit kaum Probleme, auf einem Boot schon eher. Prinzipiell sollte man als Freiwasserschwimmer nicht zur Seekrankheit neigen – das wäre wie ein Bergsteiger mit Höhenangst.

Verfällt Sie in eine Art Trancezustand, wenn Sie stundenlang durch die Fluten kraulen?

Wandratsch: Genau das darf mir nicht passieren, das ist gefährlich. Ich werde dann langsam, alles plätschert so dahin. Es ist die Aufgabe meiner Betreuer auf dem Begleitboot, mich zu motivieren, mir Denkanstöße zu geben.

Wie schaffen Ihre Begleiter das?

Wandratsch: Sie halten mir immer wieder mal Info-Tafeln entgegen. Darauf stehen zum Beispiel die Namen von Familienangehörigen oder der eines Wettkampfs, bei dem ich mich erfolgreich durchgekämpft habe. Dann kreisen die Gedanken darum. Dass hält mich munter. Im Training höre ich auch mal Musik, rockige Sachen. Es gibt ja inzwischen wassertaugliche MP3-Player.

Beckenschwimmer sprechen gerne vom „Kachelnzählen“, wenn sie von ihren langen Trainingszeiten erzählen.

Wandratsch: Das ist der Grund, weshalb ich es hasse, im Hallen- oder Freibad zu schwimmen. Das ist öde. Deshalb versuche ich auch so viel wie möglich draußen im See zu trainieren. Genauso hasse ich Fitnessstudios und Krafträume. Aber ich kann nicht 30 Stunden in der Woche nur schwimmen. Im Winter gehe ich viel zum Langlaufen oder auf Skitouren. Im Sommer bin ich regelmäßig beim Skirollern. Das ist gut für die Kraftausdauer und die Oberarme. Es ist wichtig, Abwechslung in den Trainingsalltag zu bringen. Der Wöhrsee ist mein Trainingsrevier. Als sich dort kürzlich die Badeinsel im Wöhrsee aus den Verankerung gerissen hat und neu befestigt werden musste, habe ich das Ding im Wasser wieder an die richtige Stelle gezogen. Eine Stunde lang habe ich dafür gebraucht. Samt den zwei Arbeitern, die darauf standen und dem Stein, der die Badeinsel an alter Stelle wieder halten sollte, wog das Ganze gut eine Tonne. Das war ein super Training, alle hatten Ihren Spaß.

In diesem Sommer wollen noch zwei andere Schwimmer versuchen, den Bodensee nonstop ohne Neoprenanzug zu durchqueren, Bruno Baumgartner aus der Schweiz und Hamza Bakircioglu aus dem Allgäu.

Wandratsch: Bruno traue ich die Durchquerung zu, wir sind Freunde. Bakircioglu ist in der Szene ein bislang unbeschriebenes Blatt. Ich habe nur gehört, dass er im Becken in diesem Jahr schon mehrmals die Distanz von 64 Kilometern geschwommen ist. Aber 64 Kilometer im Becken und im See, das kann man nicht miteinander vergleichen. Allein schon deshalb, weil er sich im Becken alle 25 oder 50 Meter abstoßen kann.

Zu welcher Tageszeit werden Sie Ihren Versuch starten?

Wandratsch: Um zwei Uhr in der Nacht.

Da ist der Körper sicher nicht auf Schwimmen eingestellt.

Aber so schwimme ich die wenigste Zeit im Dunkeln. Wenn du schon angeknockt bist und weißt, dass du jetzt noch in die Nacht hinein schwimmen musst, ist das verdammt hart. Ich habe schon Trainingseinheiten am Abend eingelegt. Alles ist schwarz. Angst ist das falsche Wort. Aber es fühlt sich irgendwie unheimlich an. Deshalb will ich unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit in Bregenz ankommen. Und dann wird richtig gefeiert.

2 Gedanken zu „Wandratsch: „Bodenseedurchquerung ist wie Bergsteigen““

  1. Die Leistung ist unglaublich. Über einen Faktor, der doch bestimmt auch sehr ausschlaggebend für den Erfolg ist, finde ich leider keine Informationen:
    Womit und wie ernährt sich der Schwimmer während der 20 Stunden im Wasser?

    1. Hallo Walter, die Schwimmer bauen bei der Querung auf flüssige Nahrung (Gels, Getränke). Diese werden von den Begleitern auf dem Boot ins Wasser gereicht (mittels Plastikbecher und/oder Getränkeflasche). Weder Boot noch Begleiter dürfen berührt werden. Alles klar?
      Grüße T.S.

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