Heiße Duelle im Kettenhemd: Ausdauer auf mittelalterliche Tour

DSC_7857
Eisenhartes Training: Paul Schöne (links) im Einsatz. Fotos: Simon Ruisinger

Es muss ja nicht immer um Bestzeiten gehen: AZ-Volontär Paul Schöne beispielsweise ist kein Läufer, dennoch braucht er derzeit Kondition. Der 28-Jährige zeigt während des Lagerlebens beim Tänzelfest in Kaufbeuren sein Können als einer der Schwertkämpfer in der Schaukampfgruppe „Ritterschaft zu Wasserstein“. Pünktlich zum Start des großen Spektakels am morgigen Freitag (19.45 Uhr) beschreibt er für allgaeu-ausdauer.de, wie es sich anfühlt in Kettenhemd und Waffenrock Sport zu treiben. Sein Fazit: „Ohne Ausdauer warst Du als Ritter aufgeschmissen!“

Die zwei Bewaffneten stehen vor mir, einer mit einem Speer, der andere mit einer Hellebarde. Dann kommt der erste Angriff. Den zustoßenden Speer schmettere ich mit dem Schwert zu Boden, versuche, seinen Träger zu treffen. Einen Hieb des schweren Axtblattes blocke ich mit meiner Klinge. Hastig weiche ich dem nächsten Schlag aus, ramme den Gegner mit der Schulter zu Boden. Das Herz schlägt schneller. Ein Schlag wehrt erneut die Lanzenspitze ab. Dann ziehen sie sich zurück. Ich keuche. „Okay, üben wir das nochmal“, sage ich.
Es ist schon komisch. Jeder normale Sportler trägt vernünftige Klamotten, um sich das Leben leichter zu machen. Wir machen es uns extra schwer. Wo etwa der Läufer spezielle Laufschuhe trägt, haben wir kniehohe Lederstiefel mit genagelten Sohlen. Wo er atmungsaktive Klamotten trägt, tragen wir Kettenhemd, Plattenharnisch und darüber den gefütterten Waffenrock. Und wo er einen Timer oder eine Stoppuhr am Handgelenk trägt, schleppen wir Schwerter, Äxte und Speere mit uns herum.
Wir würden uns niemals anmaßen zu behaupten, dass der Schaukampf, den wir auf Mittelaltermärkten zeigen, mit Hochleistungssport zu vergleichen ist. Doch so wie der Marathonläufer ein Ziel vor Augen hat – 42,195 Kilometer – so haben wir, die 20-köpfige Kaufbeurer Gruppe „Ritterschaft zu Wasserstein“, es auch – das Ende der Show. Erst wenn das letzte Kampfpaar die Klingen gekreuzt hat, die Geschichte zu ende erzählt ist, Gut über Böse triumphiert hat und das Publikum applaudiert, sind wir fertig.
Sind wir am Ziel, gibt es keine Zeit, die uns sagt, wie erfolgreich wir waren. Der beste Indikator dafür sind Fotos und Videos, die während der Aufführung entstehen. Während wir kämpfen, kriegen wir vom Publikum kaum etwas mit, doch auf den Bildern sehen wir die kleinen Buben, die dem Schwarzen Ritter mit weit aufgerissenen Augen anstarren oder aufspringen und mit gebanntem Blick ihren Helden anfeuern. Einmal hörten wir beim Einmarsch zwei Jungs diskutieren: „Ich bin für den Blauen, der ist so flink und wendig.“ – „Nein, ich bin für den Roten, der ist viel größer und stärker“. Mein Kampfpartner Tobias Rottach, 25, in seinem blauen Waffenrock und ich – der Rote – mussten unwillkürlich grinsen. Wir fühlten uns wie verdammte Magic-Karten. Ritter Tobi mit +1 auf Kampfkunst und Geschwindigkeit, ich mit +2 auf Stärke.DSC_7939 Sport im Mittelalter

Der Flinke – der Kräftige, letztlich ist das alles Show. Anders als beim Marathon gewinnt nicht der beste, sondern der, den das Drehbuch begünstigt. Jeder Kampf ist durchchoreografiert. Jeder Hieb, jede Parade wird geplant. Und bis alles sitzt, heißt es üben. Zuerst nur in Jeans und T¬Shirt, zuletzt auch in Rüstung. Immer aber mit den echten Schwertern. Geübt wird auf Parkplätzen, im Stadtpark oder auf Privatgrund.
Vor mir steht der Gegner, der sich mir am diesjährigen Lagerleben in Kaufbeuren entgegenstellen wird. Er hat einen kleinen Schild und einen Streitkolben in der Hand, einen halbmeterlangen Stiel mit Eisenkopf. Seinen ersten Hieb blocke ich, den zweiten auch. Gehe zum Angriff über, bremse ab.
„Den Schild hoch!“, sage ich. „Der Gegenschlag kommt erst später.“
Wir fangen von vorne an. Eine halbe Stunde später läuft der Kampf flüssiger, jetzt wird an der Geschwindigkeit gearbeitet. Denn Zeitlupe wirkt nur in Hollywood gut, auf der Kaiser-Max-Straße in Kaufbeuren eher weniger.
Neben uns ist Tobi mit dem schwarzen Ritter beschäftigt. Das keine Funken sprühen, ist schon alles – obwohl wir auch das schon hatten. Die beiden tauschen ihre Hiebe so rasant aus, das das Auge kaum hinterherkommt. Schwerter schlagen aneinander oder krachen auf Schilde. Immer wieder landet einer der Kämpfer auf dem Boden, rappelt sich auf. Es gab Aufführungen, da kamen die Kämpfer so unter dem Helm hervor, wie sie normal aus der Dusche kommen – triefend nass.
Wir können uns immer nur ein bis zwei Monate vor der Aufführung intensiv vorbereiten. Die Terminfindung ist bei Schichtarbeitern, Studenten und Angestellten zwischen Kaufbeuren und Kempten nicht leicht. In der Zwischenzeit gehen manche Radfahren, andere zum Schwimmen, um genug Ausdauer für den Kampf zu haben. Wieder andere werden erst in der Vorbereitung von der anstrengenden Trainingsrealität eingeholt.
Steht man dann auf dem Straßenpflaster, merkt man, wie lang zwei Minuten Kampf sein können. Man will nach 40 Sekunden schon Pause machen, durchschnaufen, doch dann kommt bereits die nächste 5er-Hiebserie. Man reißt Schwert und Schild hoch, blockt, weicht aus, tritt zu. Geht zum Angriff über. Ein letzter Hieb, der Gegner verliert sein Schwert. Die Kinder jubeln. Der Rote hat gewonnen. Wir sind im Ziel.

Paul Schöne, 28, Kommentar Paul Schöneist Volontär bei der Allgäuer Zeitung in Marktoberdorf und Mitglied der Mittelaltergruppe „Ritterschaft zu Wasserstein“ aus Kaufbeuren. In seiner Freizeit hat er für uns seine Erfahrungen beim Schaukampftraining und bei Schwertkampfaufführungen zusammengefasst. Die „Ritterschaft zu Wasserstein“ gibt seit 2009 bei verschiedenen Gelegenheiten Schaukampfvorführungen. Sie tritt am Freitag, 12. Juli, um 19.45 Uhr und am Samstag, 13. Juli, um 18.45 Uhr am Kaufbeurer Lagerleben vor dem Rathaus, Kaiser-Max-Straße, auf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.