„Nach dem Büro ist vor dem Laufen“

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Weiter, immer weiter: Für viele Läufer ist der nächste Wettkampf das große Ziel. Nicht so für Stefan Beßler aus Kempten. Der 37-Jährige ist Genussläufer durch und durch. „Mein letzter Wettkampf  war der Cooper-Test in der Schule vor 25 Jahren. Dass ich den geschafft habe, war ein Highlight. Deshalb kann ich behaupten: Ich hab‘ auf dem Zenit meiner Karriere mit dem Wettkampf-Sport aufgehört“, grinst der Sozialversicherungsfachangestellte, der sich in seiner Freizeit mittlerweile aber auch ohne Wettbewerbsdruck zum Laufen aufrafft. Das Motto des Fußball-Fans: „Nach dem Büro ist vor dem Laufen!“


Manchmal braucht es Lampe, damit einem ein Licht aufgeht. Bei Stefan Beßler war es eine Stirnlampe. Als er sie vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt bekam, verwendete er sie anfangs nur sporadisch. Zum Beispiel, um nach einem nächtlichen Kneipenbesuch sicher nach Hause zu kommen. Mittlerweile ist die „Hirabira“  zu seinem treuen Begleiter geworden: „Ich lauf‘ gerne am späten Abend, wenn es dunkel wird. Da habe ich meine Ruhe und kann den Tag Revue passieren lassen“, sagt Stefan Beßler, den alle Welt „Bessi“ ruft  – und den die meisten seiner Kumpels und Arbeitskollegen als Stimmungsmacher kennen.

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Wo geht’s lang? Stefan Beßler hat sich vor drei Jahren entschieden. Er zieht sein persönliches Bewegungsprogramm seither konsequent durch.

„Keine Frage: Ich bin ein geselliger Mensch. Aber beim Laufen will ich alleine sein. Da verarbeite ich Eindrücke oder schmiede neue Pläne. Ich geh‘ am liebsten mein eigenes Tempo. Die Luft brauch‘ ich zum Atmen –  und nicht zum Reden“, sagt Bessi. An diesem Tag freilich macht er eine Ausnahme und lässt sich begleiten, auf seiner Lieblingsrunde am Stadtweiher in Kempten. Jeden Tag dreht er dort bis zu vier Runden. Er ist nicht allzulange unterwegs: 20 Minuten bis maximal eine Stunde. „Das reicht schon als Fitnesstraining und Ausgleich zur Büroarbeit“, findet Bessi und dürfte damit der einen oder anderen Couchpotatoe Mut machen, sich zu neuen Höhen aufzuschwingen ohne gleich Höchstleistungen bringen zu müssen.

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Der 37-Jährige dreht täglich am Stadtweiher seine Runden.

In seinem Fall ist das Laufen freilich die zweite Bewegungseinheit des Tages: Bessi marschiert jeden Morgen eine halbe Stunde von seiner Wohnung am Stadtrand in die Geschäftsstelle seines Arbeitgebers in der Innenstadt –  und abends wieder zurück. Egal ob Sommer oder Winter. Bei jedem Wetter. Genau das gleiche gilt für die abendliche Joggingrunde. „Wenn ich mich zu etwas entscheide, dann ziehe ich es auch durch“, erklärt er seine Disziplin.

Vor drei Jahren hat Stefan Beßler mit dem Joggen begonnen. Notgedrungen, wie er erzählt. 110 Kilo wog er damals. Mit Sport hatte er gar nichts am Hut – es sei denn, es ging um  Bundesliga-Gucken oder Soccerspiele an der Play-Station. „Der Arzt hat mir damals klipp und klar gesagt: Wenn Du so weiter machst, musst Du mit 40 Tabletten einnehmen, die andere mit 60 brauchen. Wenn überhaupt…“, erinnert er sich.

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Nach dem Joggen ist für ihn der Alltagsstress vergessen.

Für Bessi war es diese Warnung wie ein Startsignal. Er kaufte sich Laufschuhe („die ersten waren von einem Discounter und ziemlich schnell hinüber“), kramte alte Sportklamotten aus dem Schrank, darunter einen bunten Kawai aus Realschulzeiten, und begab sich auf Lauf-Tour.

Überrascht stellte er fest, dass ihm die ersten Schritte  gar nicht so schwer fielen. Im Gegenteil: „Mir hat’s von Anfang an Spaß gemacht“, erinnert er sich an seine persönliche Aufbruchstimmung. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Bessi speckte über zehn Kilo ab („abends ess ich keine Kohlehydrate mehr“) und ist sich heute sicher: „Bewegung ist Bereicherung!“  Dazu bedarf es für den Hobbyläufer freilich keinen Wettkampf.  Laufen ist für ihn Entspannung. Langsam. Locker. Ohne Leistungsdruck.

Anders ist das bei den Sportlern, über die er neuerdings schreibt: Der gebürtige Duracher ist Pressewart beim abstiegsbedrohten Fußball-Bayernligisten TSV Kottern, der vier Spieltage vor Saisonschluss am Tabellenende steht.  „Ich hoffe, wir kommen da unten irgendwie noch raus“, sagt Stefan Beßler zum Abschluss der Stadtweiherrunde und fügt mit einem breiten Grinsen an: „Überraschungen gibt’s im Sport immer wieder. Ich bin doch selbst das beste Beispiel dafür….“

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Bewegung bringt Farbe ins Leben: Im bunten Kawai parodiert Bessi Rapperposen vor einer besprühten Hauswand gegen Ende seiner Laufrunde.

 

4 Gedanken zu „„Nach dem Büro ist vor dem Laufen““

  1. Hallo Bessi, Respekt! Bei Dir hat die Alterseinsicht ja relativ früh eingesetzt. Da ist ja noch gar nichts verloren! Vielleicht sollten wir uns mal wieder treffen. Bin gespannt, ob wir beiden dürren Menschen uns noch erkennen. Bis dahin schöne oberbayerische Grüße, Christian

  2. Hallo Bessi, dank Dir (endlich:)) mal ein Artikel auf diesem Blog, der nicht das neoliberale Wettbewerbscredo des „höher, schneller, weiter“ im heutigen Ausdauersport repliziert. Laufen als ursprüngliche Form menschlichen Bewegens zu genießen, sei Dir bis unter 90 kg gegönnt :). Liebe Grüße und „you´ll never walk alone (Kottern)“ Yours Schbixl

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