Lauf-Garant Guranti: 177 Kilometer in 24 Stunden

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Kaum zu glauben: Dieses Foto entstand nicht vor, sondern nachdem Uli Guranti 24 Stunden und Antje Schuhaj in München 12 Stunden am Stück gelaufen waren. Frisch geduscht strahlten sie in die Kamera, als ob sie gerade eine lockere Trainingseinheit absolviert hätten.

So ganz begreifen konnten es die Passanten am drei Kilometer langen Rundkurs im Olympiapark in München offenbar nicht. “Was findet denn hier statt?”, fragte einer in die erschöpfte Läufer-Schar. “Ein 24-Stunden-Lauf”, antwortete jemand aus der Gruppe. Darauf der Passant: “24 Stunden?! Und wieviele Läufer wechseln sich da ab?” Antwort: “Wir wechseln uns mit niemandem ab. Jeder läuft für sich allein!” Damit ist wohl alles gesagt über den 24-Stunden-Lauf der Deutschen Ultramarathon Vereinigung in München. Zwar gab es auch Staffelwettbewerbe, doch als wahre Helden wurden die Zielankömmlinge gefeiert, die 24 Stunden am Stück Runde um Runde drehten. Der 56-jährige Uli Guranti zählte zu diesen Extremsportlern. Eine Nacht und einen Tag lief er durch ohne auch nur eine Sekunde zu schlafen. Das einzige, was er sich gönnte, waren ein paar Minuten Pause im Sitzen: Ein paar Schlücke trinken, einen Happen essen  und eine kurze Massage von seiner Ehefrau Barbara, die ihm die verspannten Schultern lockerte – und schon ging es wieder auf den Rundkurs. Schier unglaubliche 177,644 Kilometer standen am Schluss für den Ausdauersportler des TV Jahn Kempten zu Buche. Damit belegte er den siebten Platz unter fast 50 Männern. Harald Hopfinger vom TSV Oberstdorf belegte Platz zehn mit 142,128 Kilometern. Bei den Frauen gab es gleich zwei Allgäuer Siege: Sigrid “Sigimaus” Thomas vom TV Immenstadt gewann mit 131,68 Kilometern in 24 Stunden; Antje Schuhaj vom TV Jahn Kempten triumphierte beim 12-Stunden-Rennen mit 111,69 Kilometern!

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Stolze Leistung: Sigrid Thomas gewann den 24-Stunden-Lauf der Frauen mit 131,698 Kilometern.

Während Guranti und Schuhaj seit vielen Jahren zu bekannten Gesichtern in der Laufszene gehören, dürfte der Sieg von Sigrid Thomas, deren Pseudonym “Sigimaus” lautet, dann doch den einen oder anderen überraschen. Die Triathletin startete im Vorjahr das erste Mal bei einem 24-Stunden-Rennen und belegte damals mit 128 Kilometern in München Platz vier. Jetzt hat sie sich um drei Kilometer gesteigert und das Feld der Frauen, das diesmal nur aus drei Läuferinnen bestand, gewonnen. Doch das dürfte dem Respekt vor ihrer Ausdauer wohl keinen Abbruch tun. “Ich will anderen zeigen, was Hobbyathleten leisten können”, lautet das Credo von Sigrid Thomas, die 2011 beim 33,3-Stundenschwimmen in Kempten auch schon mehr als 40 Kilometer kraulte. Ihr Ziel: Mit 50, also in drei Jahren, will sie einen Ironman bestreiten. Da kann nach diesen Leistungen doch eigentlich nichts mehr schief gehen…

Andere Ziele hat Uli Guranti vor Augen. Nach dem Rennen sagte er. “Das war ein tolles Erlebnis, das mir richtig Motivation gibt. Im September will ich bei der Deutschen Meisterschaft im 24-Stunden-Lauf in Karlsruhe erneut über die lange Distanz dabei sein.”

Für ihn war München gleich der zweite “Hammer-Lauf” innerhalb weniger Wochen. Am 13. April hatte er bei der deutschen Meisterschaft im 100-Kilometer-Lauf in Kienbaum/Berlin in 10:14:04 den fünften Platz in seiner Altersklasse (AK 55) belegt. Guranti zählt zu den Extremlauf-Pionieren im Allgäu. Er hat schon mehrmals 24-Stunden-Läufe gemeistert und hofft darauf, bei der “Deutschen” in dieser gewöhnungsbedürftigen Disziplin über 200 Kilometer zu laufen. Im Vorjahr fehlten in beim “24-Stundenlauf Aare-Insel Brugg” am Schluss nur knapp fünf Kilometer, um dieses Ziel zu verwirklichen. Zum Vergleich: München-Sieger Jochen Steybe brachte es auf 202, 4 Kilometer.

Ebenfalls auf die 200er Marke hat es Antje Schuhaj, die ebenfalls für den TV Jahn Kempten startet,  bei der deutschen Meisterschaft im September abgesehen. In München gelang ihr eine erfolgversprechende Premiere im 12-Stunden-Lauf. Die 45-jährige siegte mit 111,169 Kilometern. “Im Ziel habe ich geheult. Vor Erschöpfung und Freude: Das war mein erster Sieg!”, beschreibt Schuhaj, die bis vor ein paar Jahren der 100-km-Nationalmannschaft angehörte und ebenfalls im April in Kienbaum 100 Kilometer lief, die Grenzerfahrung.

Doch wie kommt man überhaupt auf die Idee, sich den Strapazen eines 12 bzw. 24-Stunden-Laufes auszusetzen?  “Man wächst da so nach und nach rein. Als ich vor 15 Jahren mit  Laufsport anfing, hätte ich nie gedacht, solche Distanzen meistern zu können. Das ist stetig gewachsen”, sagt  Antje Schuhaj, die 2008 im Stadtheater zu “Kemptens Sportlerin des Jahres” gekürt wurde. Auch an diese berührende Feierstunde hat sie während des Wettkampfs gedacht. Denn: “Es ist unglaublich wichtig, positive Gedanken mit auf den Weg zu nehmen. Von denen zehrt man am meisten.”

Von ihrem Training haben die Allgäuer Ultraläufer selbstverständlich auch profitiert.  Guranti hat seit Jahresbeginn beispielsweise über 2000 Kilometer abgespult. Er läuft fünf bis zu sieben Mal die Woche Distanzen von 15 bis maximal  64 Kilometer. Ähnlich sieht das Programm bei Antje Schuhaj aus. “Mich reizt es zu erfahren, was der Körper aushält. Wenn es weh tun würde, wäre ich nicht mehr dabei”, erklärt Schuhaj die Leidenschaft zur XXL-Distanz. Dass manch anderer darüber nur den Kopf schütteln kann, ist ihr bewusst. “Ganz normal ist es sicher nicht”, sagt sie mit einem Lächeln und fügt an. “Aber was ist denn heutzutage schon normal?”

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