Mit oder ohne?

11.06.2011: Schwimmen, Langstreckenschwimmen im Rottachsee,
Mit oder ohne Neo? Die Frage stellt sich bei Freiwasserschwimmern und Triathleten. Unser Bild zeigt eine Szene vom Rottachseeschwimmen.
Archiv-Foto Michael Oswald

Wenn die ersten Sonnenstrahlen Frühlingsgefühle bei allen Triathleten und Freiwasserschwimmern wecken, drängt sie sich die Frage aller Fragen auf: Mit oder ohne?  Es geht, na klar, um den Neoprenanzug. Unser Autor hat da seine eigene Meinung.

Text: Tobias Schuhwerk

Was mich am Schwimmen fasziniert, ist die Ursprünglichkeit. Ein Mensch im Kampf (Romantiker nennen es auch im Einklang, aber Romantiker irren häufig…) mit den Wellen.

In jedem Fall: Kein Schnickschnack, keine Materialschlacht, kein Getöse.
Nur drei Eingeständnisse an die Zivilisation: Badehose, Badekappe und Schwimmbrille.

Umso erstaunter war ich bei meinem ersten Triathlon vor drei Jahren.

Weil die Wassertemperatur bei knapp 24 Grad lag, erteilten die Veranstalter Neo-Verbot – und sorgten prompt für Aufruhr. Schwimmen ohne Neo?! Geht’s noch? Die Ehrgeizlinge im Pulk schimpften wie Kinder, denen ein böser Teenager die Schwimmflügel geklaut hat.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ein Neo hat durchaus Vorteile. Er bietet Sicherheit und Komfort, wenn man längere Distanzen im offenen Gewässer zurücklegt. Aber darum ging es ja gar nicht. Mein erster Ausdauer-Dreikampf war kein Ironman, sondern ein Volkstriathlon. Auf dem Programm standen zum Auftakt  500 Meter schwimmen in einem Moorbad, das von ein paar Dutzend Wasserwachtlern bestens abgesichert war.

Dennoch herrschte helle Aufregung wegen des Neo-Verbots. “Triathleten sind ein seltsames Volk”, war mein erster Eindruck.

Mittlerweile weiß ich: Seltsamer als Triathleten ist die Schwimmindustrie. Sie hämmert einem ein, dass man ohne technische Hilfsmittel keine zwei Bahnen lebend überstehen kann – geschweige denn 500 Meter in einem Moorbad! Die Dagobert Ducks der Branche haben längst erkannt, dass es noch etwas schöneres gibt, als Kraulen im Wasser: Schwimmen im Geld. Deshalb gibt es nichts, was ein Anfänger nicht UNBEDINGT haben müsste. Also: Unterwasser-I-Pod, Taktzähler, Bahnenzählgerät, Neo-Hose, Neo-Badekappe, Kurzarm-Neo, Ganzkörper-Neo, Nasenklammern, Flossen, Haifischflossen, Hand-Paddles, Short-Hand-Paddels, Pullkick (alle Größenvariationen!), Pulsmesser, Ohrenschwimmwatte, Melkfett, Neo-Handschuhe, Taucherschuhe, Aqua-Jogging-Gurt… Fehlt eigentlich nur die selbstaufblasbare Luftmatraze mit Außenbordmotor.

Natürlich habe ich mir mindestens die Hälfte aller angeblichen Must-Haves selbst zugelegt. Der Preis war hoch, das Ergebnis leider mau. Heute würde ich das ganze Geld (abgesehen vom Pullkick!) lieber in ein vernünftiges Techniktraining investieren. Denn allem Schnickschnack zum Trotz: Noch nie bin ich 100 Meter auch nur annähernd unter einer Minute geschwommen. Dabei soll das tatsächlich möglich sein. Man braucht noch nicht mal Schwimmbrille und Badekappe dazu!

Das hat Schwimmpurist und Hollywood-Legende Jonny Weissmüller vorgemacht, als er 1922 als erster Mensch 100 Meter in 58,6 Sekunden unter einer Minute kraulte. Ob Tarzan dabei nur einen Lendenschurz trug, ist nicht überliefert. Aber vielleicht sollte man dieses Thema auch nicht weiter vertiefen. Sonst kommt am Ende irgendein gewiefter Marketingstratege darauf, uns Hobbysportlern den Stofffetzen als letzten Schrei im Kampf um bessere Schwimmzeiten anzupreisen. Ich bin mir sicher, dass einige Freizeit-Ehrgeizlinge glatt ein paar hundert Euro dafür berappen würden…

 

P.S.: Das Foto vom Rottachseeschwimmen hat freundlicherweise Fotograf Michael Oswald zur Verfügung gestellt. Mehr von seinen tollen Bildern findet Ihr auf:
www.photo-oswald.blogspot.de

 

6 Gedanken zu „Mit oder ohne?“

  1. Es ist tatsächlichvwie oben beschrieben. Egal ob im sport oder auch sonst ist es doch heutzutage die reinste materialschlaft. beispiele gefälligst: wer der applebesitzer beherrscht ein grafikprogramm oder all die anderen funktionen? wieviele mountainbikebesitzer haben jemals ein berg erradelt?…

  2. Bei deiner These stimme ich dir voll zu. Unsere Welt wird immer technisierter, in allen Bereichen. So richtig neu ist das nicht… ähnliche Klagen kenne ich aus den Anfangsjahren meiner Triathlonzeit vor 25 Jahren. Schon damals hieß es: So langsam macht das keinen Spaß mehr, da fährt ja keiner mehr mit einem normalen Rennrad. Wo ich nicht zustimme (da habe ich aber berufsgemäß eine andere Perspektive) ist die Analyse der Gründe. Zumindest aus einem Absatz klingt heraus: Die böse Industrie verführt die unschuldigen Menschen dazu den Blick vom Wesentlichen zu wenden. Und das nur weil sie Geld verdienen will (wie verwerflich)! So einfach kann man es sich nicht machen. Da gibt es immer eine Wechselwirkung (und auch das ist in anderen Lebensbereichen ähnlich) zwischen Angeboten, die ein Bedürfnis erst erzeugen und schon existierenden Bedürfnissen, die dann ein Angebot bedingen. Was war zuerst da? Henne oder Ei?

    1. 1. habe ich keine These bezüglich Bahnenzählgeräten aufgestellt (obwohl ich, wie sicher alle Schwimmer, schon öfter gewünscht habe, das es so etwas gäbe).

      2. Heißt das, das alle Erfindungen, die vorher nicht vermisst wurden böses Teufelszeug sind? (Glühlampen, so ein Unsinn, früher ging es doch auch ohne). Mit dem Ansatz würden wir noch auf Bäumen umherturnen.

      3. Wäre es nett, wenn du mich mit Axel ansprichst, ich nicht einem schbixl antworten muss.

  3. Ich stimme dem Autor hier völlig zu. Puristisch und minimalistisch erfährt man seiner selbst am ehesten und am tiefgründigsten. Gerade dieses ist ja das Ziel des Ausdauertrainings und nicht die Einsparung komfortabler Sekunden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.