Im Windschatten von Mwangi

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AZ-Reporterin Anne-Sophie Weisenbach kämpfte sich beim Halbmarathon in Kempten ins Ziel und ist stolz auf ihre Finisher-Medaille. Fotos: Ralf Lienert

 

Spontane Aktionen sind meist die besten. Heißt es. In der Praxis stimmt das nicht immer. Mir jedenfalls tun noch immer die Beine weh. Denn meine letzte spontane Aktion brachte mich ans Limit. Am Sonntag entschied ich mich am Frühstückstisch, beim Halbmarathon in Kempten mitzulaufen. 21, 1 Kilometer. Ohne spezielles Training. Aber mit einem besonderen Ziel:
Einmal im Leben wollte ich einem der schnellen Kenianer hinterherjagen. Ich habe es geschafft! Genau zehn Sekunden….

Aber der Reihe nach. Zunächst zu meiner Fitness: Der Allgäuer Winter war lang. Sehr lang sogar. Als Hobbyläuferin zog es mich im Schnitt nur zwei bis drei Mal pro Woche in die Kälte. Immerhin lief ich teils bis zu 20 Kilometer im lockeren Tempo. Einen Wettkampf hatte ich freilich nicht im Sinn. Doch dann kam dieser unglaublich strahlende Frühjahrstag. Der erste Sonnentag des Jahres. Und alle Läufer kamen in Kempten zusammen. Da gab es für mich kein Halten mehr. Zuschauen ist für Weicheier. Das Selbst-Experiment nahm seinen Lauf. Wie schnell geht ein Halbmarathon in (fast) untrainiertem Zustand?

Schnell die Sachen zusammengepackt, fix im Kornhaus die Anmeldung ausgefüllt – und schon stehe ich im Startblock. Dicht gedrängt harren hunderte Läufer aus und warten auf den Startschuss. Die Aufregung ist spür- und sogar riechbar. Gut, dass ich keine Platzangst habe. Ich versuche mich angenehmen Dingen abzulenken. Wie wär’s zum Beispiel mit einem Blick in den strahlend blauen Himmel? Doch schon reißt mich die Stimme des Ansagers aus der Versenkung. Er zählt die Sekunden bis zum Start. Die Aufregung wächst mit jeder Zahl. Verdammt, was mache ich hier?

Halbmarathon Kempten
Weiter, immer weiter: Die Laune wurde immer besser je näher das Ziel rückte.

Peng! Die Meute setzte sich in Bewegung. Ich orientiere mich an Ballonläufer Harry, der die 1:45er-Gruppe anführt. Dumm nur, dass andere denselben Gedanken haben. Die erste Runde gerät zu einem Hauen und Stechen um die Pole Position. Jeder hat Angst, den Anschluss zu verlieren – und verteidigt seinen Platz im Pulk schon mal mit Körpereinsatz. Genervt von den Ellenbogenchecks meiner Nebenläuferin schüttele ich den Kopf. Hey Leute, was soll der Schmarrn? Wir sind doch hier zum Spaß…

Nach der ersten Runde lasse ich die Horde ziehen. Zu viel Drama. Und, ehrlich gesagt, auch zu viel Tempo für mich. Meine Backen glühen. Mein Puls hämmert. Ich schnappe nach Luft und versuche runter zu kommen. Denn ich weiß, ich muss meine Kräfte schonen. Da ist schließlich noch mein Tagesziel: der Zwischensprint mit den afrikanischen Läufern. Wie lange kann eine Hobbyläuferin mit den Topstars des Halbmarathons mithalten? Auf der zweiten Runde, kurz nach der Nordbrücke, ist es soweit. Plötzlich jubelt das Publikum an der Strecke noch lauter als sonst – und die Läufer hinter mir stimmen keuchend mit ein: „Los! Auf geht’s! Go, go, go!“ Schnell wird mir klar: Dieser Jubel gilt nicht mir (obwohl ich mich auch darüber gefreut hätte…). Da kommt ein anderes Kaliber angeschossen. Ich drehe mich um und sehe den späteren Sieger Isaac Mwangi auf mich zu rasen. Er scheint über den Boden zu fliegen. Ich spüre einen Windhauch, als er an mir vorbeizieht. Da ist die Chance. Jetzt oder nie. Wir sind fast allein auf weiter Flur. Ich hole kurz Luft – und sprinte dem Führenden hinterher. Unser Tempo ist unglaublich hoch. Zumindest für mich. Schon nach wenigen Sekunden spüre ich die Kräfte schwinden. Und Windschatten kann mir Mwangi leider auch nicht spenden. Er ist dünn wie eine Bohnenstange. Ein rasende Bohnenstange. Nach etwa zehn Sekunden muss ich ihn ziehen lassen. Erschöpft und gleichzeitig aufgedreht reihe mich wieder in die schier endlose Schar der Hobbyläufer ein. Dieses ungleiche Duell werde ich so schnell nicht vergessen. Unglaublich, mit welcher Leichtigkeit sich dieser Mann bewegt!

Konnte über die Attacke der Reporter in nur lachen: Sieger Isaac Mwangi aus Kenia.
Konnte über die Attacke der Reporterin nur lachen: Sieger Isaac Mwangi aus Kenia.

Auf den nächsten beiden – quälend langen – Runden sehne ich zumindest ein kleines Stück dieser Leichtigkeit herbei. Dann endlich ist das Ziel in Sicht. Ich kann mein Glück kaum fassen. Dass diese Tortur auch mal enden könnte, hatte ich bereits bezweifelt. Doch jetzt wird alles gut. Da vorn sehe ich auch schon Begleitäufer Harry. Er hat die 1:45-Gruppe bereits sicher ins Ziel gebracht und begleitet mich bis kurz vors Ziel. „Und jetzt ziehhhhh…“, spornt er mich zum finalen Sprint an. Ich gebe mein Bestes und erreiche nach 1:53 Stunden das Ziel. In der Menschentraube am Residenzplatz entdecke ich Familie und Bekannte. Nur einen sehe ich nirgends: Isaac Mwangi.

Vermutlich rennt er bereits zum nächsten Lauf….

Dehnen (und zwar freiwillig): Nach dem Wettkampf ist vor dem nächsten Training.
Dehnen (und zwar freiwillig): Nach dem Wettkampf…
... ist vor dem nächsten Training. Die Saison geht weiter!
… ist vor dem nächsten Training. Die Saison geht weiter!

2 Gedanken zu „Im Windschatten von Mwangi“

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