Alarmstufe Rot im Hallenbad

HE7_9478A

Volle Bäder, voller Frust! Zumindest für Kraulschwimmer. Immer wieder geraten sie mit anderen Badegästen aneinander, wie zuletzt während der Osterferien. Dabei könnte eine friedliche Koexistenz so leicht sein, wie ein Blick ins Ausland zeigt. 

Früher, als Gummistiefel noch aus Holz waren und ein Sixpack acht Flaschen hatte,  da gab es Schwimmbäder, die nur einem Zweck dienten: dem Schwimmen.

Und heute? Blühende Bäderlandschaften. Überall. Jede mittelgroße Stadt lockt mit Wellness-Oase, Whirlpool, Wasserrutsche und Happy-Hour-Cocktails an der Saunabar.  Klar: Die alten Römer, die als erste Luxusbader und Warmduscher in die Geschichte eingingen, wären bestimmt stolz auf uns. Als Kraulschwimmer fragt man sich inmitten des ganzen Trubels nur: Wo zum Teufel kann man eigentlich abseits von festen Trainingszeiten in Ruhe seine Kacheln zählen?

Badbesuche in den Schulferien geraten für unsereins regelmäßig zum Desaster. Als Kraulschwimmer kommst du dir schon nach zwei Bahnen wie ein ungebetener Gast auf einer Party vor. Die tobende Meute wendete sich angewidert ab oder faucht abschätzige Kommentare („Geht’s noch? Was will der denn hier?!“). Und das alles nur, weil unsereins tut, was wir schon immer am liebsten in einem Schwimmbad taten: Bahnen drehen.

Okay, wir sind keine Vorzeigestilisten. Aber immerhin können wir eine gerade Schwimmlinie über dem schwarzen Balken am Beckenboden halten! Wenn das auch andere Badegäste zumindest versuchen würden, wäre vermutlich viel gewonnen. Doch danach sieht es leider nicht aus. Stattdessen rauschen wir Kraulschwimmer regelmäßig mit allerlei Gegenverkehr zusammen – und würden den folgenden drei Geisterfahrern am liebsten mal ordentlich die Meinung geigen.

Die Frisurspazierenschwimmerinnen: Nichts gegen Make-up und geföhnte Dauerwellen im Schwimmbad. Jeder tut, was er kann. Aber könnt ihr bitte akzeptieren, dass nicht jeder Wasserspritzer, der einen beim Kopf-über-Wasser-Brustschwimmen erreicht, ein Anschlag auf die Menschenwürde ist?

Der Alt-Deutsch-Rücken-Veteran: Schön, dass ihr in unserer schnelllebigen Zeit antike Traditionen hochhaltet. Aber könnt ihr bitte daran denken, dass auch die große Kapitäne ihr Ziel nur dann sicher erreichen, wenn sie es auf direktem Weg, also ohne wagemütige Schlangenlinien, ansteuern?

Der Arschbomben-Teenager: Keine Frage: Austoben ist echt toll! Aber Boote zerstören, gelingt dir am unprobemlatischsten beim Schiffe-Versenken. Merke ein für allemal: Auch ein Kraulschwimmer hat Gefühle – auch wenn er dir unnütz wie ein alter  Frachter mit Wasserschaden vorkommt.  Ganz fein wäre es auch, wenn Eltern oder anderweitige Pädagogen begreifen könnten, dass deine tollkühnen Seitensprünge vom Beckenrand keine Meilensteine in der Evolutionsgeschichte darstellen, sondern zuallerst ein Sicherheitsrisiko für alle anderen.

Wenn wir Kraulschwimmer das Bad ramponiert, zerzaust und frustriert nach zahlreichen Zusammenstößen verlassen, stellt sich mal wieder die Frage: Gibt’s eigentlich gar keine Alternative zum Becken-Chaos?

Doch die gibt es. Zum Beispiel in England. Und man muss noch nicht mal den Ärmelkanal durchkraulen. Ein Besuch des Schwimmbades zu Canterbury reicht aus. Es bietet keinen Wellness-Schnickschnack, sondern 70er-Jahre-Charme: Grauen Beton, weiße Kacheln und Neonlicht.Grafik_Web_neu Kurzum: Jene Zutaten, die jedes Schwimmerherz höher schlagen lassen. Hier wird nicht abgehangen, hier wird produziert.  Und zwar nach deutschen Richtlinien. Die Briten haben das Autobahn-Prinzip aufs Wasser übertragen!  Sie stecken mit zwei Leinen in der Mitte des Beckens eine breite, doppelspurige (!) Wasserfahrbahn ab. Nur für Kraulschwimmer und angenehmerweise sogar mit Rechtsverkehr. Wer langsam krault, orientiert sich IMMER nach rechts zur Leine und kann links problemlos überholt werden (siehe Grafik).  Im Rest des Bades können sich alle anderen Badegäste nach Belieben austoben. Ein Traum!

Fragt sich nur, wann sich dieses Modell auch hierzulande durchsetzt? Vermutlich erst, wenn unsereins mit seiner Frisurspazierenschwimmerin mindestens zwei Arschbomben-Teenager großgezogen hat und als Alt-Deutsch-Rücken-Veteran dem Sonnenuntergang entgegenschippert. Natürlich in Schlangenlinien.

2 Gedanken zu „Alarmstufe Rot im Hallenbad“

  1. Der wahre Kampf eines normalen Schwimmers. Der Text trifft unsere Aufschreie nach dem Schwimmen. Es könnte so entspannend sein…

    Ich hoffe, daß dieser blog auch von Schwimmmeistern und Hallenbadbesitzern gelesen wird und diese dem (t)obigen Vorschlag nachgehen.

    DirkVo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.