Mit Wurstsalat und Geheimtraining zum Traumgewicht

 Von Tobias Schuhwerk

Der Winter war mal wieder eine runde Sache. So rund, dass ich kaum in meine Laufhose passe. So rund, dass mich ein Spargelläufer nach dem anderen auf meiner Iller-Runde überholt. Mit anderen Worten: Die Saison beginnt, wie die alte endete. Doch noch am gleichen Tag gibt’s eine Überraschung. Sie kommt per E-Mail. Markus Kennerknecht aus Durach schreibt, dass er bei unserer Verlosung einen Startplatz für die Mitteldistanz beim Allgäu-Triathlon gewinnen möchte. So weit, so gut. Doch dann kommt’s. Er habe sich den Platz redlich verdient, indem er seit Ostern des vergangenen Jahres 25 Kilo abspeckte. 
Wie bitte?
25 Kilo?! 
Den Mann muss ich kennenlernen.  Ein Trainingsbesuch.

Schwer beinander: Markus wog 117 Kilo.
Schwer beinander: Markus wog 117 Kilo.

Den ersten Schock gibt’s gleich nach wenigen Laufschritten. Als ich Markus nach seinem Gewicht frage, antwortet er: “92 Kilo”. Ich muss nicht lange rechnen, um mir einzugestehen: Er ist schon heute drei Kilo leichter als ich. Und das obwohl er noch vor einem Jahr 117 Kilo auf die Waage brachte! Mir fehlen die Worte. Was aber auch daran liegen könnte, dass Markus ein flottes Tempo anschlägt. Der 42-jährige Bauingenieur, der das Bauamt der Gemeinde Waltenhofen leitet, hat heuer noch viel vor. So will er unter anderem am 14. April den Halbmarathon in Kempten in 1:45 Stunden meistern und am 20. Juli den Allgäu-Triathlon in Immenstadt finishen. Ziele, deren Verwirklichung ihm vor einem Jahr wohl kein Mensch zugertraut hätte. Vermutlich nicht einmal er selbst. Im Lauf der Jahre hatte sich der 1,88 Meter große verheiratete Vater von zwei kleinen Kindern einen Wohlstandsbauch angefuttert, der ihn immer mehr beeinträchtigte.

Dank Laufen und Diät hat er 25 Kilo abgenommen.
Dank Laufen und Diät hat er 25 Kilo abgenommen.

Neue Klamotten mussten her, weil alte nicht mehr passten. Beim Herumtoben auf der Wiese machte er schneller schlapp als seine Kinder. Seine Kumpels fragten ihn erst gar nicht mehr, wenn sie zu Mountainbike-Touren aufbrachen. Und seine sportlichen Eltern sagten ihm offen ins Gesicht, dass sie sich um ihn sorgten. Markus machte sich nicht allzuviel daraus. Übergewicht? Man(n) wird doch wohl noch ein paar Reservekilos auf den Rippen haben dürfen!

 Bis er sich eines Tages im Februar 2012 auf die Waage stellte. Beim Blick auf die Anzeige hätte er beinahe losgeheult. 117 Kilo. Das war deutlich mehr, als er befürchtet hatte. Es musste etwas passieren. Doch das war gar nicht so leicht. Schließlich fiel ihm jeder Schritt  bleischwer. “Meine ersten Joggingrunden habe ich am frühen Morgen eingelegt. Ich wollte nicht, dass mich jemand sieht und mich auslacht”, erinnert er sich an das Geheimtraining mit Auftaktrunden von 5 Kilometern. Zum Vergleich: Heute läuft Markus Kennerknecht fünf Mal die Woche – oftmals weit über 20 Kilometer. Sein Erfolgsrezept: Viel Bewegung, wenig Kohlehydrate. Ausgerechnet er, der große Nudelfan, stellte die Ernährung auf “Low Carb” um und zog sein Absteckprogramm eisern durch – auch dann, wenn andere den Kopf über seine plötzliche Zurückhaltung schüttelten.  “Man muss konsequent bleiben. Dann klappt’s. Ans Gemüseschnippeln musste ich mich zwar erst gewöhnen. Aber ansonsten ging das ziemlich gut. Es ist ja nicht so, dass man Sperrholz essen muss”, erzählt Markus.  Auf seinem Speiseplan steht neben Joghurt, Obst und Gemüse beispielsweise auch Wurstsalat! “Den gibt es manchmal sogar mittags und abends. Aber ohne Brot”, gibt er überraschende Details preis. Andere Laster wie Süßigkeiten, Bier und die gelegentlichen Zigaretten verbannte er gänzlich.   

Die Leistungskurve stieg schon nach wenigen Wochen steil nach oben. “Ich war selbst überrascht, wie sich der Körper an die Umstellung gewöhnt. Da kann ich jeder Couchpotatoe nur Mut machen”, sagt er, als wir auf einem Feldweg bei Waltenhofen der Sonne entgegen laufen. Markus ist auf alle Unabwägbarkeiten vorbereitet. Zu seiner Ausrüstung gehören neben Polaruhr unter anderem Sonnenbrille, Kopftuch, Funktionshirt und Handschuhe.  “Gelaufen wird bei jedem Wetter!”, das hat er schon bei unserem ersten Telefonat unmissverständlich klar gemacht. Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Markus Kennerknecht zieht sein Ding durch. Selbst Rückschläge bringen ihn nicht von seinem Ziel ab. Beim Rottachseeschwimmen, das er zur Triathlon-Vorbereitung bestreiten wollte, musste ihn die Wasserwacht im vorigen Jahr aus den Wellen ziehen, weil er kaum Luft bekam.

"Ich habe sehr viel Lebensqualität gewonnen", sagt er.
“Ich habe sehr viel Lebensqualität gewonnen”, sagt er.

 “Ich hatte einen 20 Jahre alten Neoprenanzug an, der mir nicht mehr passte. Den Fehler mache ich kein zweites Mal”, sagt Markus. Als Jungspund hat er Anfang der 90er Jahre schon mal einen Triathlon gemeistert. Damals ging es über die Kurdistanz. Jetzt will er sich an die Mitteldistanz in Immenstadt wagen. Weiter abnehmen will er nicht. Dafür aber sein jetziges Gewicht halten. Zum Abschluss unserer Laufrunde sagt der 92-Kilo-Mann: “Ich habe neue Lebensqualität gewonnen.” Ein Wert, den nicht mal Medaillen und Pokale aufwiegen können. Markus hat ihn schon erreicht. Ich dagegen muss noch mindestens drei Kilo abspecken. Mit neuen Tipps und Zuversicht. Heute Abend gibt’s erstmal Wurstsalat – ohne Brot!