Ein echt harter Hund

Er trainiert “frei Schnauze”, ist ein echtes Bewegungstier – und fühlt sich selbst an einem nebligen Wintertag im eiskalten Wasser pudelwohl: Hund Crunchy hält sein Herrchen Florian Dupp aus Kempten ganz schön auf Trab:  “Crunchy ist mein Coach. Um ihm hinterherzukommen, muss ich mich sputen”, sagt der 41-jährige Hobby-Triathlet vom ASV Hegge mit einem Schmunzeln. Darüber hinaus ist Crunchy der lebende Beweis dafür, dass es ein Miteinander von Läufern und Hunden geben kann. Dieser Vierbeiner begeistert sogar Menschen, die mit Hunden bis dato wenig bis gar nichts am Hut hatten. Also Menschen wie mich.

Von Tobias Schuhwerk

Noch ehe ich die Klingel der Wohnungstür drücke, hat er mich bereits gewittert. Crunchy bellt aufgeregt auf der anderen Seite der Türe. Seine Botschaft ist eindeutig: Der sechsjährige Border Collie duldet keine weitere Verzögerung – er will endlich raus ins Freie! “Der kann es mal wieder kaum erwarten”, knurrt sein Herrchen, der dem Tatendrang seines Hundes manchmal kaum folgen kann. Während es sich andere Vierbeiner an einem kalten und tristen Tag wie diesem im Körbchen an der Heizung bequem machen, hat Crunchy anderes im Sinn: Laufen – und zwar schleunigst.  Er gönnt uns nur einen kurzen Moment im Wohnzimmer. Florian Dupp, den alle Duppi nennen, nutzt ihn, um auf einen dicken Wälzer im Regal zu deuten. “Fitness für Hunde”, steht darauf. “Hab ich mal geschenkt bekommen. Aber das brauchen wir schon mal nicht”, sagt Duppi mit einem vielsagenden Lächeln, während ich mich frage, ob Ratgeber wie diese überhaupt ein Mensch braucht. Geschweige denn: ein Hund.

Dann geht alles ganz schnell: Taschen gepackt, Hund im Auto verstaut – und ab an den Niedersonthofener See. Die Runde um das Gewässer passt zum Leitspruch. Der lautet: “Mit Hund läuft’s rund.”  

Am Nieso wird Crunchy, benannt nach einem Sportriegel, für den er allerdings noch keinen Werbevertrag hat, seinem Ruf als sportliches Multitalent gerecht. Nach seinem Startkommando (“wuffwuff“) übernimmt unser Begleiter mit schwarz-weißem Fell sofort die Führung, die er bis zum Schluss nicht mehr hergeben wird. Wir hecheln hinterher, durch Schneematsch und Pfützen, und freuen uns über jeden Zwischenstopp, den uns der Meister gnädig einräumt. “Wenn er in Fahrt ist, läuft er wie eine Maschine”, erzählt Duppi keuchend. Der gebürtige Altusrieder muss es wissen: Er hat Crunchy zu sich genommen, als dieser noch ein Welpe war und hat ihn an der langen Leine dressiert. Heute braucht der Hund keine Leine mehr. Er ist ja auch schon erwachsen: Am 12. April wird Crunchy sieben Jahre alt. “Das einzige Geburtstagsdatum, dass ich mir außer meinem eigenen, merken kann”, gesteht sein Herrchen. Damit ist eigentlich alles gesagt, über die Verbindung der beiden zueinander.

Dabei hat Duppi nicht nur gute Erfahrungen mit Hunden gemacht: Bei einer Joggingtour wurde er selbst einmal von einer zähnefletschenden Töle attackiert. Das kann ihm heute nicht mehr passieren: “Crunchy ist mein Wachhund”, sagt er und lacht schallend. Ein typisches Duppi-Lachen. Der Sportsfreund mit dem Collie ist im Oberallgäu selbst bekannt wie ein bunter Hund. Als Heilerziehungspfleger bei der Lebenshilfe. Als Hobbyimker und Hobbykünstler. Als Wasserwachtler in Altusried. Als Triathlet beim ASV Hegge. Und nicht zuletzt als Aushilfskellner in der “Trio Bar”, wo er hinterm Tresen (und manchmal auch davor) seine gute Ausdauer unter Beweis stellt. Egal, was er treibt: der Hund ist der treueste Begleiter an der Seite des Singles.

 Zumal man von Crunchy einiges lernen kann. Die samtpfotene Sportskanone mit den treuherzigen braunen Augen ist ein echter Womanizer. Zumindest auf unserer Laufrunde. Kein weibliches Wesen, das sein plötzliches Erscheinen nicht mit einem “ohhh, ist der süß” oder “das ist aber ein ganz ein lieber” quittiert.

“Manchmal muss man ihn echt beneiden”, meint Duppi. Ich stimme zu. Denn eines hat  Crunchy uns Zweibeinern schon mal defitinitv voraus: Er kann geworfene Schneebälle unglaublich präzise per Hechtsprung mit seiner Schnauze fangen. Und noch für mindestens eine weitere Gabe bewundere ich ihn. Unerschrocken rennt er selbst in die kältesten Gewässer!

Am Ende unserer Joggingrunde drängt es ihn nach einem Bad im “Nieso”. Bei vier Grad Luft – und zwei Grad Wassertemperatur.  Schon im Vorfeld hat mir Duppi von diesem Hundehobby erzählt – und sich selbst entsprechend präpariert: mit Surfschuhen, Neoprenanzug, Tauchhandschuhen, Schwimmbrille und hellleuchtender Badekappe, die an seinen heroischen Einsatz (7 Kilometer) beim 24-Stunden-Schwimmen 2012 im Altusrieder Freibad erinnert. Damals ging es um Strecke. Jetzt geht es um Sekunden. Im eiskalten Wasser! 

Das Herrchen zögert noch, der Hund stürmt vorneweg. “Crunchyyyyyyy!!!”, mit lautem Schrei stürzt Duppi hinterher und krault japsend ein paar Züge neben seinem Hund, der sich im Eiswasser pudelwohl zu fühlen scheint wie unsereins in der warmen Badewanne. 

Doch Duppi hat Glück. Auf ein ausgiebiges Bad verzichtet seine Majestät heute. Nach etwas über einer Minute haben die beiden Uferrandschwimmer wieder sicheren Boden unter den Füßen. Duppi bibbert. Crunchy schüttelt sich lässig das Wasser aus dem Fell – und schaut mitleidig auf zu seinem Herrchen. “Stell Dich nicht so an”, scheint sein Blick zu sagen. Vielleicht auch: “War doch nur Spaß, Alter.” Ganz sicher bin ich mir. Mein Talent zum Hundedolmetscher tendiert gegen Null, weil ich – wie so viele Läufer – um Hunde stets einen großen Bogen mache. In meinem Fall kann ich ein  frühkindliches Trauma als mildernden Umstand heranführen. In frühen Jahren erbten wir einen Boxerhund, den man heutzutage wohl als verhaltensauffällig bezeichnen würde. Jedenfalls blieb mir dieses sprung- und schreckhafte Tier stets suspekt. Diese Skepsis übertrug sich auf alle anderen Hunde, die mir danach begegneten. Erst Recht beim Joggen.

Doch nach einer “Nieso”-Stunde stelle ich verblüfft fest: Bei Sportskanone Crunchy ist das anders.  Er ist der erste Hund, für dessen Sprache ich mich interessieren könnte. Hoffe, wir laufen demnächst mal wieder, Kumpel. Wuffwuff.

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